Der Stromschlag gegen Links!

In der Nacht zum 9. Juni hatte es im Umspannwerk Reutlingen-West gebrannt. Der Strom fiel für mehrere Stunden in Teilen Reutlingens aus. Nach Angaben des Netzbetreibers gibt es Hinweise auf Brandstiftung in einem Umspannwerk. Es seien drei Brandstellen gefunden worden, außerdem seien der Zaun und das Gelände vor der Anlage beschädigt, sagte ein Sprecher von Netze BW.

Die DPA urteilt und lässt „Fachleute“ von „Ähnlichkeiten zu mutmaßlich linksextremistischen Brandanschlägen auf die Stromversorgung in Berlin“ sprechen. „Auch in Reutlingen deutet die Vorgehensweise nach Einschätzung von Sicherheitskreisen auf linksextremistische Täter hin.“

Weiter heißt es in der DPA-Meldung vom 9. Juni: „Das Landesamt für Verfassungsschutz Baden-Württemberg (LfV) rechnet der gewaltorientierten linksextremistischen Szene in Reutlingen derzeit eine niedrige zweistellige Personenzahl zu. Entsprechende Akteure seien der Behörde als Angehörige der autonomen Szene bekannt, erklärte eine Sprecherin. „Zudem sind Anknüpfungspunkte in die gewaltorientierten linksextremistischen Szenen Tübingens und Stuttgarts aufgrund der regional-geographischen Nähe nicht auszuschließen.“

Und dann folgt das ganze Gesülze von Aushorchungen des Verfassungsschutzes, nämlich das die „Linksextremisten […] für die Abschaffung der bestehenden Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung [kämpfen]. Sie streben eine sozialistische oder kommunistische Staatsordnung oder eine herrschaftsfreie, anarchistische Ordnung ohne staatliches System an und verbinden diesen Weg mit der Idee einer Revolution.“

Schuldige? Täter? Alles fehl am Platz. Das LKA ermittelt und bittet die Bevölkerung um Hinweise. Und da tritt wie auf Befehl die „Freie Presse · Schwäbische Alb“ auf den Plan und bietet das „Solidarische Kollektiv Reutlingen“ (SOKO) feil. „Die Gruppe organisiert Proteste, beteiligt sich an Bündnissen gegen Rechts und setzt dabei teilweise auch auf zivilen Ungehorsam“, denunziert dieser rechte Post. Denn irgendwelche „Kritiker stellen jedoch Fragen zur Anonymität der Mitglieder, zu den Aktionsformen und zum Demokratieverständnis der Bewegung. Die SOKO begründet ihre Zurückhaltung bei persönlichen Angaben mit Sicherheitsbedenken und verweist auf Erfahrungen mit Bedrohungen und Einschüchterungen.“ Und das ist auch notwendig. Schließlich weiß jeder(r) Antifaschist*, warum Mensch sich schützen muss vor genau solchen Leuten.

Zurück zum Stromausfall: Richtig ist, sich vom Brandanschlag, wenn es denn einer war, zu distanzieren weil das mit fürsorglichem Einmischen von Links nichts gemein hat. Hier geht es um Menschen, die vom Stromausfall betroffen sind. Menschen, die sich keine Flucht in teure Hotels oder „weit weg“ leisten können, oder einen Notstromaggregat anschmeißen können. Menschen, die somit eine lange Zeit von Hilfe ausgeschlossen sind.
Und inmitten dessen bietet Kulturschock „Zelle“, welches immer wieder von rechter Hetze betroffenen ist, Essen und Strom zum Handyaufladen an. Das ist Solidarität!

Wenn es denn ein Anschlag war, so deutet vieles auf Desperados oder eben Rechte hin, die damit etwas erreichen wollen. Auch eine russische Operation zur Destabilisierung und Demoralisierung ist denkbar. Aus der Logik des Staatsschutzes führt dies aber sogleich zum Schlagen nach Links. Kein Beweis, kein Indiz, kein Bekennerschreiben, eben nix. Es wäre interessant, zu welchen Ergebnissen die Ermittlungen führen – dürfen.

Wir könnten argumentieren, dass es von Seiten der Faschisten immer wieder eine Strategie des Terrors gab, um politische Ziele zu puschen. Der Bombenanschlag in Bologna 1980 bei dem 85 Menschen getötet und über 200 weitere verletzt wurden. Oder der schwerste rechtsextreme Terroranschlag auf dem Münchner Oktoberfest 1980, bei dem 13 Menschen getötet und 200 verletzt wurden. Wir vergessen auch nicht die zehn Mordopfer des rassistischen Anschlages in Hanau 2020, die NSU-Morde, die Brandanschläge auf Geflüchtete und viele von rechter Gewalt Betroffene. Fast immer wurden die Schuldigen in den Reihen der „Linksextremisten“ gesucht.
Das alles ist vielleicht zu einfach herbeigeholt.

Wichtig ist, genau hinzuschauen!
Noch viel wichtiger ist, solidarisch zu sein, mit der SOKO und mit allen anderen Antifaschist*innen.

ROSA-Reutlingen, 9. Juni 2026